KI-Startups haben 2025 den Venture-Capital-Markt strukturell verändert: Laut dem aktuellen Carta-Report entfielen 41 Prozent der gesamten VC-Finanzierungen auf der Carta-Plattform — insgesamt 128 Milliarden US-Dollar — auf KI-Unternehmen, ein historischer Höchstwert. Gleichzeitig konzentrierte sich die Hälfte des gesamten Kapitals auf nur zehn Prozent aller Startups. Was auf den ersten Blick wie ein Erfolgsindikator wirkt, ist strukturell ein massives Konzentrationsrisiko — für Limited Partners, für General Partners und für das gesamte Ökosystem.
- 41 Prozent des gesamten VC-Kapitals flossen 2025 in KI-Startups, was strukturell ein hohes Konzentrationsrisiko für Anleger und das Ökosystem darstellt.
- Der VC-Markt zeigt eine K-förmige Entwicklung, bei der sich Kapital auf wenige große Fonds konzentriert, die wiederum Megadeals finanzieren, während kleinere Startups unterfinanziert bleiben.
- Hohe IRR-Werte jüngerer Fonds basieren oft auf unrealisierten Papiergewinnen durch Bewertungssteigerungen, deren Realisierung von kommenden IPOs großer KI-Unternehmen abhängt.
Der Kontext ist entscheidend: Allein zwischen Januar und Februar 2026 dominieren drei Unternehmen — OpenAI, Anthropic und xAI — einen erheblichen Teil der globalen VC-Aktivität. OpenAI schloss eine Runde über 120 Milliarden US-Dollar ab, Anthropic sicherte sich 30 Milliarden US-Dollar bei einer Bewertung von 380 Milliarden US-Dollar, xAI hob 20 Milliarden US-Dollar ein. Diese Summen sind keine Investitionen im klassischen Venture-Sinne — sie sind strukturelles Kapital für Infrastruktur, Rechenleistung und Marktdominanz. Das verzerrt jeden Vergleich mit traditionellen VC-Portfoliostrategien.
Die K-Form: Bifurkation als Systemzustand
Peter Walker, Head of Insights bei Carta, beschreibt den aktuellen Markt als "K-shaped" — eine Bifurkation, bei der Kapital sich auf wenige große Fonds konzentriert, die wiederum eine Handvoll Megadeals finanzieren. Das untere Segment des Marktes — die Bottom-50-Prozent der US-Startups auf Carta — erhielt lediglich 14 Prozent des verfügbaren Kapitals. Diese Spreizung ist kein temporäres Phänomen, sondern hat sich seit dem Launch von ChatGPT Ende 2022 systematisch verstärkt.
Geografisch verschärft sich die Konzentration zusätzlich: Zwei Drittel der Runden im obersten Dezil fanden in San Francisco und New York statt. Für europäische und insbesondere DACH-Investoren bedeutet das einen strukturellen Nachteil beim Zugang zu Top-Deals — die Pipeline ist geografisch abgeschlossen, bevor sie überhaupt öffentlich wird.
- Top-10-Prozent der Startups: 50 Prozent des Gesamtkapitals (Carta, 2025)
- Bottom-50-Prozent der Startups: nur 14 Prozent des Kapitals (Carta, 2025)
- Zwei Drittel der Top-Decile-Runden: konzentriert in SF und NYC
- Seed-Median: Teams mit 6,2 Mitarbeitern (2021-Peak: 10,3 Mitarbeiter)
- Solo-Founder-Anteil: 36 Prozent aller 2025-Startups (2024: 35 Prozent)
IRR-Illusion: Wenn Papiergewinne die Realität verdecken
Die Carta-Daten zeigen, dass Fonds der Jahrgänge 2023 und 2024 die höchsten internen Renditen (IRR) aufweisen — deutlich über den Fonds der Jahrgänge 2017 bis 2020, deren IRR rückläufig ist. Das klingt zunächst überzeugend. Walker selbst warnt jedoch vor einer systematischen Überinterpretation: Jüngere Fonds profitieren von einem buchhalterischen Effekt. Wer in einer Seed-Runde investiert hat und dessen Portfolio-Unternehmen anschließend eine Series A zu höherer Bewertung abschließt, weist auf dem Papier herausragende Renditen aus — ohne dass ein einziger Dollar tatsächlich realisiert wurde.
Für Limited Partners ist das der entscheidende Unterschied: Unrealisierte Markups sind keine Exits. Solange die großen KI-Wetten — OpenAI, Anthropic, xAI — nicht über IPOs oder Akquisitionen zu Liquidität führen, handelt es sich bei einem Großteil der ausgewiesenen IRR-Gewinne um theoretische Größen. Die angekündigten IPOs dieser Unternehmen noch für 2026 sind daher für den gesamten VC-Jahrgang 2023/2024 existenziell relevant: Sie sind die einzige realistische Möglichkeit, die Papiergewinne zu realisieren.
Bewertungsstruktur: Strukturelle Gründe für hohe Multiples
Ein verbreitetes Missverständnis ist, dass die hohen Bewertungen der KI-Startups primär durch Hype getrieben werden. Walkers Analyse bei Carta liefert eine nüchternere Erklärung: KI-Unternehmen haben vergleichsweise wenige Mitarbeiter, aber extrem hohe Betriebskosten — vor allem für Recheninfrastruktur und Modelltraining. Größere Runden bei kleineren Teams sind also kein Anzeichen von Überbewertung, sondern Ausdruck einer kapitalintensiven Technologiearchitektur.
Hinzu kommt eine veränderte Dilutionsstruktur: Seed-Runden verkaufen im Median 20 Prozent der Unternehmensanteile. Bei KI-Ausreißern — also den Top-Deals — liegt dieser Wert laut Carta-Daten bei nur 10,5 Prozent. Das bedeutet: Die begehrtesten Deals sind nicht nur teurer, sondern bieten Investoren strukturell weniger Ownership. Wer Zugang will, zahlt die Prämie — oder bleibt außen vor.
So What? Die strategische Lage für Entscheider
Für Entscheider in DACH-Unternehmen, Family Offices und institutionellen Investoren ergibt sich aus der Carta-Analyse eine klare strategische Lage: Der direkte Zugang zu den marktdominierenden KI-Deals ist strukturell beschränkt — geografisch, netzwerkbedingt und durch die schiere Größe der Runden. Europäische LPs, die in US-Spitzenfonds investieren, sind de facto abhängig davon, dass genau diese Fonds den Zugang zu Deals wie Anthropic oder xAI aufrechterhalten können.
Gleichzeitig ist die Alternative — diversifizierte Portfolios jenseits der KI-Megadeals — mit einem klaren Performance-Nachteil verbunden, solange die aktuelle Marktphase anhält. Der Mittelstand der VC-Industrie, der Jahrgänge 2019 bis 2021, kämpft mit sinkender IRR und stagnierenden Exits. Eine direkte Konsequenz des K-Shape-Effekts: Wer nicht am oberen Ende des Spektrums sitzt, finanziert im Wesentlichen den normalen Risikopool ohne die Upside der Megadeals.
Hinzu kommt die regulatorische Dimension: Der EU AI Act stuft Hochrisiko-KI-Systeme — darunter potenziell auch KI-gestützte Investment-Scoring-Tools oder automatisierte Kreditentscheidungen — ab August 2026 unter verschärfte Pflichten. Für DACH-Fonds, die KI in ihrer Due-Diligence oder im Portfolio-Monitoring einsetzen, entsteht damit ein Compliance-Aufwand, der die operativen Kosten erhöht. DSGVO-Implikationen bei der Verarbeitung personenbezogener Gründerdaten im Rahmen von KI-gestützten Screening-Prozessen (Art. 22, Art. 35 DSGVO) sind dabei bereits heute relevant und werden durch den AI Act weiter verschärft.
Fazit: Warten auf den Realitätscheck
Der Carta-Report liefert keine Entwarnung — er liefert einen Frühindikator. Die Renditen der jüngsten VC-Jahrgänge sehen gut aus, weil die Bewertungen gestiegen sind. Ob dahinter nachhaltige Unternehmenssubstanz oder ein selbstverstärkender Bewertungszyklus steckt, wird sich erst mit den angekündigten Exits entscheiden. Für Entscheider bedeutet das konkret: Wer heute in Fonds mit KI-Schwerpunkt investiert oder sein Unternehmen mit VC-Kapital aus diesem Pool finanziert, sollte die Differenz zwischen buchhalterischer IRR und realisierter Rendite als Kernfrage in jedes LP-Reporting und jede Fondsselektion einbauen. Die Datenlage ist transparent — die Frage ist, ob die Konsequenzen daraus gezogen werden.
❓ Häufig gestellte Fragen
📚 Quellen
- TechCrunch (Dominic-Madori Davis, 20. März 2026): AI startups are eating the venture industry and the returns, so far, are good
- Carta (Primärquelle, Q4 2025 Full Report): VC Fund Performance Q4 2025 – Full Report
- Carta (Primärquelle, Bewertungsdaten): Record-Setting Valuations 2025
- TechCrunch (Crunchbase-Analyse Februar 2026): OpenAI, Anthropic, Waymo dominated $189 billion VC investments in February