Die EU plant, über 20 Milliarden Euro in vier bis fünf sogenannte KI-Gigafactories zu investieren, stößt jedoch bereits vor dem offiziellen Start auf scharfe Kritik wegen eines fehlenden belastbaren Business Cases und unklarer Nachfrage in Europa. Dieses Vorhaben, das die EU als Antwort auf großskalige US-Compute-Projekte versteht, soll die Abhängigkeit von anderen Kontinenten bei Rechenkapazitäten reduzieren – ein Argument, das die Kommission mit „computing sovereignty“ verteidigt. Abgeordnete und Think Tanks warnen hingegen vor „cathedrals in the desert“, da Europa nur wenige Unternehmen habe, die derartige Infrastrukturen auslasten könnten, wobei das französische Startup Mistral als einziges genannt wird.
- Die EU plant Investitionen von über 20 Milliarden Euro in den Bau eigener KI-Gigafactories, um die Abhängigkeit bei Rechenkapazitäten zu verringern.
- Kritiker warnen vor milliardenschweren Geister-Rechenzentren, da es in Europa momentan an ausreichender Nachfrage von großen KI-Unternehmen mangelt.
- Ein im Frühjahr geplanter Call for Proposals soll nun Klarheit über Betreiber, private Co-Investments und die genaue Nutzungslogik bringen.
Die geplante Anschubfinanzierung von über 20 Milliarden Euro soll eine europäische Infrastrukturklasse für KI-Training und -Inference schaffen, um mit US-Hyperscalern zu konkurrieren. Die Kommission argumentiert, dass eigene Kapazitäten strategisch notwendig seien, um nicht über Cloud-Verträge von anderen Mächten abhängig zu werden. Doch die Kritik aus der Haushalts- und Industriepolitik ist deutlich: Der Grünen-Europaabgeordnete Sergey Lagodinsky bemängelt, dass niemand den Zweck dieser Gigafactories konkret darlegen könne. Eine Research Assistant aus Brüssel, Nicoleta Kyosovska, zweifelt zudem an der Abnehmerseite und sieht die Gefahr von Rechenzentren, die ungenutzt bleiben könnten, zumal ein großer Akteur wie Mistral bereits eigene Datacenter aufbaue.
Das Timing der EU-Initiative fällt in einen globalen Capex-Wettlauf, bei dem Tech-Riesen wie Alphabet und Amazon massive Summen in KI-Infrastruktur investieren. Die EU will sich hier als Eigentümer von Compute positionieren und nicht nur als Nutzer. Kritiker bezweifeln jedoch, dass mehr Hardware automatisch mehr Wertschöpfung in Europa schafft. Der globale Infrastruktur-Boom wird von Professoren wie Gary Marcus als „greatest capital misallocation in history“ bezeichnet, und die Wirtschaftlichkeit vieler dieser Rechenzentren wird angezweifelt, da sie auf die Rentabilität von KI-Startups und die stabile Auslastung bei potentiellen Überkapazitäten angewiesen sind. Diese globalen Bedenken treffen im europäischen Kontext auf mangelnde inländische Nachfrage, die die Erfolgsaussichten der EU-Gigafactories zusätzlich schmälern könnte.
Für die DACH-Region ist die Debatte von großer Bedeutung, da mit der Ausschreibung von vier bis fünf Mega-Hubs ein harter Standortwettbewerb beginnen würde, der Fragen zu Stromversorgung, Netzanbindung und lokaler Akzeptanz aufwirft. Diese Infrastruktur könnte großen Unternehmen und Forschungseinrichtungen innerhalb Europas eine Alternative zu US-amerikanischen Cloud-Diensten bieten. Doch die mangelnde Nachfrage in Europa, wie von Kyosovska kritisiert, bedeutet, dass der Nutzen der Gigafactories primär wenigen Großunternehmen oder internationalen Playern zugutekommen könnte, ohne eine breite Wirkung für den Mittelstand zu entfalten, es sei denn, es werden innovative Zugangsmodelle geschaffen.
Der entscheidende nächste Schritt ist der angekündigte Call for Proposals im Frühling, der klären wird, welche Betreiber sich bewerben, in welchem Umfang private Co-Investments eingeplant sind und welche Nutzungslogik Brüssel festlegt. Erst dann wird ersichtlich, ob und wie ein Business Case in das Programmdesign integriert wird. Bis dahin bleibt der grundlegende Konflikt bestehen: Die Kommission setzt auf infrastrukturbasierte Souveränität, während Kritiker hohe Kosten und unklare Nachfrage als erhebliche Risiken sehen. Dies erhöht den Druck auf die EU, ein präzises und überzeugendes Konzept vorzulegen.
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