Elon Musk ließ Satya Nadella als Zeugen laden — und der Microsoft-CEO brachte genau das vor Gericht, was Musks Klage am meisten schadet. Am 11. Mai 2026 betrat Nadella den Zeugenstand im Bundesgericht in Oakland unter Richterin Yvonne Gonzalez Rogers. Der Prozess zwischen Musk und OpenAI-CEO Sam Altman befand sich in seiner dritten Woche, die Schlussplädoyers sind für Donnerstag, den 14. Mai 2026, angesetzt. Was folgte, war eine Aussage, die strukturell gegen Musks Kernthese arbeitete: Altman und OpenAI hätten ihn über die kommerzielle Ausrichtung der Partnerschaft mit Microsoft getäuscht und das ursprüngliche Non-Profit-Versprechen der Organisation verraten. Nadellas vier zentralen Aussagen zeichnen ein anderes Bild — und das ist kein Zufall.
- Microsoft-CEO Satya Nadella sagte auf Einladung von Elon Musk im OpenAI-Prozess aus, schwächte dessen Anklage jedoch massiv.
- Eine vor Gericht präsentierte E-Mail beweist, dass Musk die kommerzielle Partnerschaft zwischen Microsoft und OpenAI schon 2017 kannte und lobte.
- Da Musk jahrelang keine Einwände erhob, erscheint seine jetzige Klage primär als strategischer Schachzug für sein eigenes KI-Unternehmen.
Die Klage, die Musk Ende 2024 einreichte, lautet im Kern: OpenAI habe sich von einer gemeinnützigen Organisation zum Nutzen der Menschheit in eine kommerzielle Maschine verwandelt, die Milliarden für Investoren generiert. In der geänderten Klageschrift vom November 2024 hieß es, noch nie zuvor sei eine Körperschaft von einer steuerbefreiten Wohltätigkeitsorganisation zu einem 157 Milliarden US-Dollar schweren For-Profit-Unternehmen geworden — ein „marktlähmender Gorgon", wie Musks Anwälte formulierten. Musk selbst gibt an, 38 Millionen US-Dollar an OpenAI gespendet zu haben, bevor die Kommerzialisierung einsetzte. Nadellas Zeugenstand sollte diese These stützen — tat es aber nicht.
Musk begrüßte die Microsoft-Partnerschaft — schriftlich
Das erste und vielleicht schlagkräftigste Argument gegen Musks Klage lieferte er selbst: schriftlich, im August 2017. Unter Befragung durch einen Microsoft-Anwalt legte Nadella dem Gericht eine E-Mail vor, die Musk an Nadella geschickt hatte, nachdem ein OpenAI-Bot bei einem Dota-2-Weltmeisterschaftsturnier einen professionellen Spieler besiegt hatte. Nadella hatte die Gründer zu ihrem Erfolg beglückwünscht. Musks Antwort: „Very much appreciated. Will make sure that people know about Microsoft's help."
Diese E-Mail ist deshalb so relevant, weil sie belegt, dass Musk die beginnende Partnerschaft zwischen Microsoft und OpenAI nicht nur kannte, sondern aktiv lobte — und das zu einem Zeitpunkt, als die Grundlagen des 13-Milliarden-US-Dollar-Deals bereits gelegt wurden. Microsoft nahm bereits 2016 laut Nadella einen Verlust von 15 Millionen US-Dollar in Kauf, um OpenAI vergünstigt Zugang zur Azure-Cloud-Infrastruktur zu ermöglichen. Musk war an Bord. Der Vorwurf, er sei über die Ausrichtung der Partnerschaft getäuscht worden, verliert damit erheblich an Substanz.
Für die Beklagten — OpenAI, Altman, Greg Brockman und Microsoft — ist diese E-Mail ein zentrales Beweisstück. Sie zeigt nicht nur, dass Musk informiert war, sondern dass er aktiv Werbung für Microsofts Beteiligung machen wollte. Das ist schwer zu erklären für jemanden, der heute behauptet, er hätte niemals zugestimmt, wenn er die kommerzielle Dimension der Partnerschaft gekannt hätte.
Keine Beschwerden — trotz direkter Kommunikationslinie
Der zweite Kernpunkt von Nadellas Aussage betrifft die Frage, ob Musk jemals Einwände gegen die wachsende Partnerschaft erhoben hat. Die Antwort laut Nadella: nein — und das, obwohl Musk jederzeit hätte Kontakt aufnehmen können. „We have each other's phone numbers", sagte Nadella vor den Geschworenen.
Konkret: Weder als die Revenue-Sharing-Partnerschaft im Juli 2019 bekannt wurde, noch als im Jahr 2023 Microsofts Investitionsanteil um weitere 10 Milliarden US-Dollar stieg, meldete sich Musk bei Nadella mit Bedenken. Das ist für die Beklagten ein starkes Argument. Musk klagte erst 2024 — zeitlich eng korreliert mit der Gründung seines eigenen KI-Unternehmens xAI und dem Start des Konkurrenzprodukts Grok. Die Gegenpartei nutzt genau diesen Zeitpunkt, um Musks Motiv zu hinterfragen: Ist das eine Klage eines enttäuschten Idealisten oder eines Wettbewerbers, der juristische Mittel gegen seine Konkurrenten einsetzt?
Was diesen Punkt besonders wirkungsvoll macht: Nadellas Aussage ist nicht wertend, sondern faktisch. Er schildert schlicht, was nicht passiert ist. Und das Fehlen von Beschwerden über Jahre hinweg, trotz bestehender Kommunikationsmittel und persönlicher Beziehung, ist ein strukturelles Argument gegen die Glaubwürdigkeit von Musks jetziger Position.
„Above, below, around" — und was Nadella damit wirklich meinte
Im Herbst 2023 erschütterte die plötzliche Absetzung von Sam Altman durch den OpenAI-Vorstand die gesamte KI-Branche. In diesem Moment machte Nadella gegenüber dem New York Magazine eine Aussage, die seitdem oft zitiert wird: „We are below them, above them, around them." Gemeint war damit Microsofts technologische Verflechtung mit OpenAI — inklusive aller IP-Rechte und Fähigkeiten.
Musks Anwälte versuchten, diese Formulierung als Beweis für eine marktdominierende Allianz zu nutzen — exakt das, was die Klageschrift als „market-paralyzing gorgon" bezeichnet. Doch Nadella entkräftete diese Lesart direkt im Zeugenstand. Er erklärte, die Aussage habe nichts mit Machtdemonstration zu tun gehabt, sondern mit Krisenmanagement: „It goes back to me trying to communicate as clearly as possible to customers that they can count on us." Heißt im Klartext: Er wollte sicherstellen, dass Copilot-Kunden weiter auf die OpenAI-Produkte vertrauen können, unabhängig vom internen Chaos bei OpenAI.
Ob die Geschworenen diese Erklärung annehmen oder Musks Interpretation folgen, bleibt offen. Aber Nadella hat zumindest eine plausible, nicht-sinistre Lesart seiner eigenen Worte ins Protokoll gebracht — und das vor einem Gericht, das nach Motiven sucht.
„Amateur City" — Nadella verteidigt Altman, ohne es zu wollen
Der vielleicht unerwartete Teil von Nadellas Aussage betrifft Sam Altman direkt. Musks Anwälte haben die chaotische Absetzung Altmans im November 2023 als Beweis dafür genutzt, wie unzuverlässig und intransparent OpenAI als Organisation agiert. Nadella lieferte dazu eine Einordnung — aber nicht die, die Musks Seite erhofft hatte.
Er bezeichnete die Entscheidung des OpenAI-Boards, Altman zu feuern, als „amateur city" — und meinte damit explizit das Versagen des Vorstands, die Entscheidung nachvollziehbar zu kommunizieren. „I just felt like there must have been some jealousies or communications or what have you", sagte Nadella. Er habe sich in der Pflicht gefühlt, als Erwachsener im Raum zu agieren und dafür zu sorgen, dass Altman zurückkehrt — weil ein massenhafter Abgang der Mitarbeiter sowohl für OpenAI als auch für Microsoft katastrophal gewesen wäre.
Diese Aussage ist zweischneidig: Einerseits kritisiert sie das OpenAI-Board, was Musk theoretisch nutzen könnte. Andererseits positioniert Nadella Altman implizit als das Opfer eines dysfunktionalen Boards — nicht als den Bösewicht, den Musks Klage zeichnet. Und Nadellas Entschlossenheit, Altman zurückzuholen, spricht für sich: Microsoft setzte aktiv auf Altman, weil man ihm vertraute.
So What? Was das für die KI-Branche und DACH-Entscheider bedeutet
Dieser Prozess ist kein juristisches Randthema. Er verhandelt im Kern eine Frage, die für die gesamte KI-Industrie relevant ist: Können Non-Profit-Strukturen unter dem Druck von Big-Tech-Kapital und kommerziellen Interessen bestehen — und wenn nicht, wer trägt dafür Verantwortung? Für DACH-Entscheider, die OpenAI-Produkte einsetzen oder planen, hat das Verfahren direkte Implikationen.
Erstens: Die Partnerschaft zwischen Microsoft und OpenAI wurde laut Berichten vom 27. April 2026 bereits neu verhandelt — inklusive Anpassungen bei Exklusivität und Umsatzstruktur. Die 13 Milliarden US-Dollar schwere Investitionsbeziehung ist also kein statisches Konstrukt, sondern wird aktiv umgebaut. Wer auf Microsoft Azure als KI-Infrastruktur setzt, sollte die sich verschiebenden Machtverhältnisse zwischen den beiden Unternehmen im Blick behalten.
Zweitens: Der EU AI Act ist in diesem Kontext kein abstraktes Regulierungsthema. Seit August 2025 gelten GPAI-Regeln, Governance-Anforderungen und Strafrahmen für Anbieter sogenannter General Purpose AI Models — zu denen GPT-Modelle zweifellos zählen. Unternehmen, die OpenAI-Technologie in Hochrisikoanwendungen einsetzen, müssen ab August 2026 mit deutlich strengeren Compliance-Anforderungen rechnen. Die Frage, ob OpenAI als Non-Profit oder For-Profit operiert, ist für die EU-Regulierung nicht neutral: Transparenz- und Haftungspflichten unterscheiden sich je nach Unternehmensstruktur erheblich. Strafen können bis zu 35 Millionen Euro oder 7 Prozent des weltweiten Umsatzes betragen.
Drittens: Das Verfahren zeigt, wie fragil informelle Absprachen in der KI-Frühphase waren. E-Mails aus 2017, interne Memos, mündliche Versprechen — all das wird jetzt vor Gericht geprüft. Für Unternehmen, die heute KI-Partnerschaften eingehen, ist das eine klare Warnung: Vertragliche Klarheit über Ziele, Kontrolle und kommerzielle Bedingungen ist kein Nice-to-have, sondern Pflicht.
Fazit: Ein Zeuge, der das Gegenteil bewirkte
Nadellas Aussage vom 11. Mai 2026 dürfte in die Annalen des Tech-Rechtswesens eingehen — als Beispiel dafür, wie ein Zeuge, der von einer Partei geladen wurde, systematisch gegen deren Interessen aussagt. Musk wollte mit Nadella belegen, dass er über die kommerzielle Ausrichtung der Microsoft-OpenAI-Partnerschaft getäuscht wurde. Stattdessen zeigte Nadella dem Gericht: Musk wusste es, lobte es, schwieg jahrelang darüber — und klagte erst, als er selbst ein Konkurrenzunternehmen gründete.
Ob das ausreicht, um Musks Klage zu Fall zu bringen, entscheiden die Geschworenen nach den Schlussplädoyers am 14. Mai. Meine Einschätzung: Wenn die Beweislage so bleibt, wie Nadella sie skizziert hat, wird Musk diesen Prozess mit hoher Wahrscheinlichkeit verlieren — nicht weil OpenAI makellos ist, sondern weil seine eigene Kommunikationshistorie seine Kernthese untergräbt. Der Gorgon-Vergleich macht gute Schlagzeilen. Aber eine E-Mail mit „Very much appreciated" aus dem Jahr 2017 macht bessere Beweise.
❓ Häufig gestellte Fragen
✅ 12 Claims geprüft, davon 9 mehrfach verifiziert
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